Schaugärten mit traditionellen Getreidesorten der AbL NRW

Im Projekt „Saatgut: Vielfalt in Bauern- und Gärtnerhand“ beschäftigt sich die AbL NRW unter anderem mit traditionellen/alten Getreidesorten. Um die Anbaueigenschaften einiger alter Sorten kennenzulernen, haben einige AbL Bauern einzelne Sorten im November 2018 auf 1 m2 großen Flächen ausgesät (Saatgutmenge 18-36 g). Großer Dank für euer Engagement!

Es wurden insgesamt 20 Sorten angebaut. 15 Sorten stammen vom VERN (Verein zur Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg), der sich für die Erhaltung alter Sorten einsetzt (auch Gemüse, Obst und Zierpflanzen). Außerdem wurden bei Dreschflegel, die ansonsten hauptsächlich Gemüse-Saatgut anbieten, die Nacktgerste Hugo Erbe und der Einkorn Galei bestellt. Die AbLerin Ulrike Eggersglüß erhielt außerdem von einem befreundeten Landwirt, Alain Basson, aus der Champagne in Frankreich die Sorten „Barbu de Champagne“, „Automne rouge barbu“ und weißen Emmer. Alain Basson hat insgesamt etwa 50 Getreide-Landrassen, die er hauptsächlich aus einer Genbank aus Clermont-Ferrand bekommen hatte. 

Beim Versuchsanbau von Martin Ramschulte in Schöppingen machten sich leider Vögel über das Saatgut der vier ausgesäten Sorten her, sodass kaum Pflanzen wuchsen. Gyso von Bonin baute auf dem Gut Körtlinghausen in seinem Versuchsgarten „Schwarzen behaarten Winter-Emmer“, den Dinkel „Kippenhauser Spelz“ und den „weißen Schlegeldinkel“ an.

 

Bei Ulrike Eggersglüß auf dem Hof Roggenkamp in Gütersloh wurden alle 20 Sorten ausgesät. Auch hier schien den Vögeln und später vielleicht auch Rehen das Getreide gut zu schmecken, sodass bei einigen Sorten nicht so viele Pflanzen standen. Aber alle Sorten konnten beobachtet werden.

Es war allein schon abwechslungsreich, da alle möglichen Arten vertreten waren wie Dinkel, Winter-Brotweizen, Roggen, Hafer, Gerste. Zusätzlich waren auch seltene Arten dabei wie Einkorn und Emmer, die zu den ältesten kultivierten Getreidearten gehören, oder Rauweizen.

Das Getreide war sehr bunt: Einkorn war während des Wachstums grasgrün, der Weizen „Automne rouge barbu“ und „Roter Sächsischer Landweizen rötlich, das Stroh des weißen Schlegeldinkels leuchtend violett und schwarz waren „Tschermaks vierzeilige Wintergerste“ und der Schwarze behaarte Winter-Emmer.

Auch besondere Formen waren dabei: Die Winter Imperialgerste hat eine pyramidenartige Form. Bei der Gerste „Friedrichswerther ogra“ sterben während der Entwicklung die Grannen ab, sodass sie am Ende grannenlos dasteht.

Besonders berühmt ist der „Norddeutsche Champagnerroggen“ – vielleicht trägt auch der Name zu seiner Beliebtheit bei, aber der langstrohige Roggen hat wohl gute Anbaueigenschaften. Im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft wurde er stark beworben und es gibt dort einige Bäckereien, die nur noch diese Roggensorte nutzen.

Während des Getreideanbaus wurde das Unkraut ohne Maschine, sondern mit der Hand gehackt oder gezupft.

Über die Saison wurden die Anbaueigenschaften der verschiedenen Sorten untersucht, z.B. Lageranfälligkeit, Höhe und Krankheitsbefall. Diese Informationen werden in der nächsten Zeit noch zur Verfügung gestellt.

 

Es gab mehrere Sorten, die sehr positiv auffielen mit einem großen Wachstum, Standfestigkeit und Gesundheit. Dazu zählten unter anderem Norddeutscher Champagnerroggen, Winterhafer und die drei Sorten von Alain Basson (weißer Emmer, Weizen „Automne rouge barbu“ und Weizen „Barbu de Champagne“) (eine genauere Beschreibung kommt noch).

Mehrere der Gerstensorten standen nicht gut am Standort in Gütersloh. Bei ihnen trat viel Mehltau und Gelbrost auf. Außerdem waren mehrere der Gerstensorten lageranfällig, während bei allen anderen Getreidearten kein oder kaum Lager beobachtet wurde, obwohl viele sehr langstrohige Getreidesorten dabei waren (Norddeutscher Champagnerroggen etwa 1,80 m).

Bei einigen Sorten waren sehr wenige Pflanzen gewachsen, wobei davon ausgegangen werden kann, dass der Hauptgrund Vögel waren, die Saatgut gefressen hatten. Es ist daher schwer zu beurteilen, wie gut die Keimfähigkeit und die Winterhärte waren.

Bei einigen Sorten fehlten auch viele Ähren, sodass wahrscheinlich Tiere einiges gefressen hatten. Teilweise standen auch Ährenspindeln mit fehlenden Körnern da, wobei nicht eindeutig ist, ob es sich hier auch um Fraß handelte oder die Ähre brüchig war und Körner leicht herausfielen.

Es fand eine Schaugarten-Besichtigung bei Ulrike Eggersglüß im Rahmen eines Demeter-Treffens statt am 3.7.19. Bei der Besichtigung und auch bei der Veranstaltung am vorigen Tag im Freilichtmuseum Detmold konnten wir uns über besondere internationale Gäste freuen. Der Bauer Alain Basson aus Frankreich konnte die drei Sorten, die wir von ihm bekommen hatten, persönlich vorstellen. Er erzählte, dass er viele alte Getreide-Landrassen lange Zeit auf kleinen Parzellen angebaut und beobachtet hat. Später wählte er 20 Weizen-Landrassen aus, mischte sie und baute sie auf einem Feld gemeinsam an. Diese Weizen-Population baut er seit vielen Jahren nach. Wer Interesse an der Weizen-Population hat, kann Saatgut davon bekommen. Die Weizen-Population wird an zwei Bäckereien in Paris verkauft. Er baut außerdem eine traditionelle Linsensorte an. Er erzählte, dass das Netzwerk „Réseau Semences Paysannes“ in Frankreich, das sich für die Erhaltung und Nutzung traditioneller Sorten einsetzt, sehr aktiv ist. Mit Alain angereist war Kristin Reynolds, die in New York an der Universität lehrt und forscht über Urbane Landwirtschaft und Ernährungssouveränität. Sie erzählte, dass es in New York 1500 Gemeinschaftsgärten gibt.   

Am 17.7.19 wurden nun alle 20 Sorten im Schaugarten von Ulrike Eggersglüß per Hand geerntet. Der Großteil der Sorten war reif. Einige Pflanzen war noch grünlich, jedoch wurde entschieden, dass nun geerntet werden sollte, da viele Sorten schon reif waren und zum Schutz vor weiterem Tierfraß. Das Getreide wurde in „Sträußen“ zusammengebunden und reift nun in der Diele im Haus aufgehängt und stehend im Karton weiter.