Gärtner und Bauern wachsen wieder mit Saatgut zusammen


Workshop Gemüse-Saatgutvermehrung mit Jens Eichler von Dreschflegel 

Wie kann ich mein eigenes Saatgut gewinnen? Etwa 20 Teilnehmer, v.a. Erwerbs-Gärtner, beschäftigten sich mit Gemüse-Saatgutvermehrung am Samstag, den 15.9.18 in einem von Jens Eichler geleiteten Workshop. In heutigen Gärtnereien findet kaum eigene Saatguterzeugung statt, sondern Saatgut und Jungpflanzen werden wegen Zeit- und Kostendruck, und da sich Hybridsorten nicht vermehren lassen, zugekauft. Aber das Interesse an dem Thema wächst wieder.  

Veranstaltungsort war der Gärtnerhof Entrup 119 in Altenberge bei Münster, die nach dem Konzept der Solidarischen Landwirtschaft arbeiten und neben Gemüse auch Brot, Eier, Käse und Fleisch erzeugen. Der Kurs wurde im Rahmen des Projektes „Saatgut: Vielfalt in Bauern- und Gärtnerhand“ der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft NRW (AbL NRW) veranstaltet, das von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW gefördert wird. Mit dem Saatgutvermehrungs-Workshop sollte ein Beitrag zur Förderung der bäuerlichen Saatgutarbeit geleistet werden.  

Im Kurs wurden die verschiedenen Schritte zur Vermehrung von Saatgut besprochen: Nur nachbaufähiges/samenfestes Saatgut und nicht Hybridsorten können vermehrt werden, aber welche Saatgutanbieter gibt es dafür außer Bingenheimer Saatgut und Dreschflegel? Es wurde auch besprochen, wie gesundes Saatgut erhalten werden kann. Es wurde gezeigt, wie Saatgut aus seiner Samenschale gedroschen werden kann, wie man es mit Sieben reinigt und wo es am Ende trocken und kühl gelagert werden kann.

Den Workshop leitete Jens Eichler, der in seiner demeter Samengärtnerei Eichler in Telgte samenfestes Saatgut von Gemüse-, Kräuter und Blumensorten vermehrt. Sein Saatgut wird vertrieben über Dreschflegel, die nachbaufähiges Bio-Saatgut anbieten und auch züchten, alte Sorten erhalten, sich politisch engagieren und Bildungsarbeit betreiben. 
Er berichtete von dem Wert bäuerlicher Saatgutarbeit: „Bei Dreschflegel werden auf 17 Höfen in Deutschland viele verschiedene Nutzpflanzen gepflegt und weiterentwickelt. Wir erzeugen Saatgut dieser Kulturpflanzen in erster Linie für Selbstversorger und Hausgärtner, weil es uns neben dem Erhalt der Nutzpflanzenvielfalt auch wichtig ist, vielen Menschen das Gärtnern und die - zumindest teilweise - Selbstversorgung wieder näher zu bringen. 
Aber gerade auch für bäuerliche Betriebe oder Gärtnereien ist die eigene Saatgutarbeit ein ganz wichtiges Thema, das fast immer vor arbeitswirtschaftlichen Hintergründen oder aus Mangel an Wissen viel zu kurz kommt. Wir haben heute einen Anfang gemacht, Begeisterung und Wissen weiterzugeben, denn echte Vielfalt kann nur durch viele Menschen aufrechterhalten werden, die ihre eigenen Ideen in die Arbeit einfließen lassen. Die eigene Saatgutvermehrung bietet ein hohes Maß an Freiheit, Gestaltungsspielraum und lässt gerade den Erwerbsgärtner oder Bauern erst den gesamten Kreislauf seines Wirkens erleben. Es wird höchste Zeit, sich unabhängig von Konzernen zu machen, in deren Händen sich eine zu große Macht konzentriert. Und ich finde es besser, etwas zu machen, als nur zu schimpfen!“

Die Leiterin des Saatgutprojektes der AbL NRW, Svenja Holst, forderte außerdem: Bauern, Gärtner und Privatpersonen müssen weiterhin einen freien Zugang zu Saatgut und die Rechte haben, es erzeugen, verkaufen und tauschen zu können. Dies ist wichtig für ihre selbstbestimmte Arbeit und Voraussetzung für eine Vielfalt in der Landwirtschaft. Patente auf Pflanzen und Nachbaugebühren beschneiden diese Rechte. Außerdem sollten öffentliche Gelder verstärkt in Züchtungsprojekte von Bauern und Gärtnern mit samenfesten Sorten gehen. Die EU Saatgutrichtlinien müssen endlich den Wert von bäuerlich gezüchteten Sorten wiederspiegeln und sie nicht von der Zulassung ausschließen. Viele Gärtner hatten sich für unseren Saatgut-Workshop interessiert und wollten teilnehmen. Ich freue mich, dass so viele Bauern und Gärtner und die Gesellschaft wieder den Bezug zu Saatgut suchen!“